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Six Tales. One Landscape.
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Im Jahre 1193 zog der Kardinal Cintius als Gesandter des Papstes von Dänemark nach Rom zurück. Sein Weg führte ihn über die rauen Bündner Alpen und entlang des Julierpasses, vorbei an der hoch gelegenen Burg Marmels. Dort herrschte Andreas von Marmels, ein gefürchteter Raubritter, den man den «Heckenfischer» nannte. Versteckt über den Passwegen soll er Reisende beobachtet und überfallen haben.
Als der Kardinal mit seinem Gefolge die Gegend durchquerte, griff Andreas die Reisegruppe an. Die Männer wurden gefangen genommen, auf die Burg verschleppt und ihrer Besitztümer beraubt. Doch einem der Gefangenen gelang die Flucht. Er brachte die Nachricht der Untat zu Rudolf von Vatz, einem mächtigen Freiherrn der Region. Dieser zog mit seinen Leuten gegen Marmels und verlangte die sofortige Freilassung der Gefangenen sowie die Rückgabe der geraubten Güter.
Andernfalls, so drohte er, werde die Burg zerstört und Fehde über Andreas von Marmels hereinbrechen. Bis heute erzählen sich die Menschen im Oberhalbstein, dass die Berge rund um Marmels die Erinnerung an jene dunklen Nächte bewahrt haben, als Reisende unter dem Schatten der Burg verschwanden.
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Vor vielen hundert Jahren trieben hinten in der Val Faller die Violas ihr Unwesen. Das waren eine Art Waldmuttern, die weder Gott kannten noch Menschenrecht achteten. Sie wohnten mitten im Forst in Höhlen und Gruben, die sie mit Steinen, Astwerk, Rinde und Rasenstücken ausbauten. Sie lebten hauptsächlich von Wild, hatten es aber auch auf Kinder abgesehen, die sie sich fingen und mit Wildbret mästeten, um sie dann zu verzehren.
Einst hätte wenig gefehlt, daß ihnen ein Hirtenbüblein aus Mühlen zum Opfer gefallen wäre. Schon in alten Zeiten nämlich hatten die Bauern dieses Dorfes das Recht, ihre Ziegen in Val Faller weiden zu lassen. Ohne an eine Viola zu denken, trieb der Geißbub seine Herde in den Wald gegen Val Bercla. Wie sie den Klang der Glöckchen hörten, stürzten die grimmigen Waldfrauen herzu, packten das arme Hirtlein, schleppten es in ihre Höhle und sperrten es in ein dunkles Gelaß. Am Abend vermißte man den Geißbuben, aber alles Suchen nach ihm war vergeblich. Er war in den Händen der Violas. Eine Alte mußte ihn bewachen, während die andern auf Kinderraub ausgingen. Sie hatte den Auftrag, ihn gut zu mästen. Denn er sollte erst auf den Tisch kommen, wenn er schön fett wäre. Der Alten half ein Mädchen, das einst auch gestohlen, aber für Zeiten der Not aufgespart und geschont worden war. Dieses warnte den Hirten im geheimen und erzählte ihm, welches Schicksal seiner warte.
Der Junge war aber nicht auf den Kopf gefallen. In seiner Tasche hatte er unter vielen andern Dingen, wie Knaden sie mit sich führen, einen Rechenzahn. Den steckte er allemal durch das Loch in der Tür, wenn ihm die Alte befahl, den Finger zu zeigen, damit sie fühlen konnte, ob er fetter geworden sei. Zum Glück für den Knaben war sie halbblind und merkte nicht, wie sie stets betrogen wurde. Sie verzweifelte fast, daß er trotz der guten Speisen nicht zunehmen wollte. Die andern Violas warteten und warteten auf den saftigen Braten, wurden endlich ungeduldig, und als sie eines Morgens wieder zur Menschenjagd losziehen wollten, befahlen sie der Alten, den Gefangenen zuzubereiten, ob fett oder nicht.
Gegen Mittag öffnete sich die Türe des Stalles. Das Weib stand davor, das Beil in der Hand, um den Buben sofort zu töten, wenn er herauskam. Der merkte aber die böse Absicht, entriß ihr rasch die Axt und schlug sie mit einem einzigen Hieb tot. Dann warf er sie in den großen Kessel, der für ihn bereitstand und unter dem schon das Feuer prasselte.Jetzt flüchtete er gegen Mühlen zu. Als er oberhalb des Dorfes ins Haupttal kam, traf er einen Mann, der eben großmächtige Heuschochen gemacht hatte. Diesem erzählte er mit fliegendem Atem, was geschehen war. Die Violas seien ihm sicher auf den Fersen, er solle ihn verbergen. Der Geißbub hatte recht geraten. Die Waldfrauen waren zu ihrer Höhle zurückgekehrt, hatten erraten, was geschehen war und sich sogleich auf die Verfolgung des Ausreißers gemacht. Der Mann steckte den Hirten schnell unter einen Heuhaufen, und kaum hatte er diesen wieder glattgestrichen, so kamen auch schon die Violas daher. „Habt Ihr nicht einen Buben vor beispringen sehen?" fragten sie den Bauern. Dieser wollte von nichts wissen. „Ihr müßt ihn gesehen haben, denn bis hierher führt die Spur," beharrten sie. „Er ist gewiß unter dem Heu versteckt. Erlaubt uns, darunter zu suchen!" „Macht, daß ihr fortkommt!" ereiferte sich der Mann. „Meint ihr, ich habe die Schochen (Haufen) gemacht, daß ihr sie mir auseinander reißt?" Doch sie ließen ihm keine Ruhe, bis er schließlich einwilligte: „Meinetwegen, so sucht! Aber diesen Haufen hier laß ich mir nicht anrühren, da hab ich mein Z'vieri drin." Die Waldmuttern durchstöberten das Heu vergebens, den Hirten fanden sie nicht. Denn den Haufen, unter dem er steckte, den hütete der Mann mit entschlossenem Eifer. So mußten also die Violas unverrichteter Dinge abziehen. Der Knabe war gerettet. Jetzt aber wußten die Leute im Tale, wo die verschwundenen Kinder alle hinkamen. Sie rückten in die Val Faller hinein und nahmen das unheimliche Nest der Menschenfresserinnen aus.
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Im 18. Jahrhundert verliessen viele junge Männer die abgelegenen Bergdörfer Graubündens und zogen über die Alpen hinaus nach Europa.
Von Mulegns und den Dörfern des Surses reisten sie nach Venedig, Paris, Bordeaux oder Odessa. Dort arbeiteten sie als Zuckerbäcker, Cafébesitzer und Meister feiner Süssspeisen.
Besonders in Venedig erlangten die Bündner einen taleären Ruf. Fast alle bedeutenden Konditoreien der Stadt befanden sich zeitweise in ihrer Hand. Sie servierten Kaffee, Schokolade, Liköre und kunstvolle Backwaren in prachtvollen Salons voller Spiegel, Kerzenlicht und fremder Düfte.
Während zuhause in den Bergen Armut und harte Winter herrschten, entstanden fern der Heimat elegante Cafés, die den Namen Graubündens in ganz Europa bekannt machten.
Doch das Leben der Zuckerbäcker war nicht nur von Erfolg geprägt. Viele arbeiteten unter schweren Bedingungen in heissen und dunklen Backstuben. Manche kehrten niemals in ihre Heimat zurück.
Andere wiederum kamen reich geworden über die Julierpässe zurück nach Graubünden und bauten prächtige Häuser mitten in den kleinen Bergdörfern.
So wurde Mulegns zu einem Ort zwischen zwei Welten:zwischen den stillen Alpen und den grossen Städten Europas, zwischen Fernweh und Heimat, zwischen Erinnerung und Aufbruch.
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Zur Fastenzeit gingen zu Tiefencastel zwei Knaben eines Abends in ein Bauernhaus, um mit einigen Mädchen in Demselben, trotz des Fastengebotes, zu tanzen. Nach einiger Zeit peinigte sie das Gewissen, und ein seltsames Geräusch erschreckte sie, dass sie für gut fanden, aus dem Hause zu fliehen.
Als sie der Gefahr einer Entdeckung glücklich entronnen zu sein glaubten, begannen sie, laut zu jauchzen, und zu jodeln. Da hörten sie von der andern Seite, von Mons her, auch jodeln. In der Meinung, es seien Kameraden, setzten sie eine Weile das Jodeln fort, und erhielten immer Antwort, bis auf einmal die Andern verstummten.
Aber alsobalde entstand plötzlich vor ihnen ein sonderbares Geräusche, und sie sahen und hörten eine grosse Gesellschaft von tanzenden und springenden Leuten unter herrlicher Musik vorbeiziehen. Stutzig wichen sie dem Zuge aus, obwohl sie Einige aus der Nachtschaar zu erkennen glaubten. Der Zug aber verschwand in grösster Eile, unter Geräusche und Musik, wie er gekommen war.
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Jene Felsen, welche, zehn Minuten unterhalb Bergün, so still und stolz über die Fluten der Albula sich erheben, werden der "Bergüner-Stein" genannt. Hunderte von Reisenden durchwandern das durchaus alpine Thai der Albula größtenteils nur, um diesen Bergüner-Stein zu sehen, der an Naturschönheit mit der Viamala-, Schyn- und Pfäfferser-Schlucht sich messen kann.
Die Natur entfaltet hier eine schauerliche Grossartigkeit. Aber an die Romantik knüpft sich leider auch die Fakta einer traurigen Begebenheit:
Im Jahre 1572 hatte ein Bursche seiner Geliebten Treue geschworen und die Hochzeit war auf kommenden Frühling angesetzt. Der Bräutigam ward aber seiner Braut überdrüssig und sucht sich ihrer zu entledigen; obwohl sie von ihm ein Pfand der Liebe trug; das betrogene Mädchen wollte nicht von ihm lassen, und so brachte er den Plan zur Ausführung durch Gewalt ihrer los zu werden. Er beredete sie einstens, mit ihm nach Villasur zu gehen, und beim »Stein« angekommen, dort wo der Felsen so schauerlich über das tief liegende Bett der Albula überhängt und die zerrissensten Riffe zeigt, dort stiess er sie über den Rand hinab.
Das ist Tatsache!
Seitdem vernehme man zuweilen Nachts, unterhalb des Felsens, selbst auf der Strasse, ein fürchterliches Weibergeschrei, welches mit dem ersten Schlage der zwölften Stunde aber aufhöre.
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Lange nachdem die alten Burgen am Julier zerfallen waren und die Zuckerbäcker ihre Heimat verlassen hatten, wurde es still in Mulegns.
Die Reisenden zogen nicht mehr durch das Tal wie früher. Viele Häuser standen leer, und im Winter lag oft tagelang Nebel zwischen den Bergen.
Die Menschen sagten, das Dorf beginne langsam zu verschwinden.
Doch eines Tages erzählte man sich von einem weissen Turm, der über den Dächern erscheinen werde. Kein Wehrturm wie in alten Zeiten und kein Schloss eines reichen Herren, sondern ein heller Turm aus Licht und Erinnerung.
Zuerst glaubte niemand daran.
Dann begannen fremde und einheimische Hände mitten im Dorf zu bauen. Stein um Stein erhob sich der Turm über die alten Wege des Julierpasses.
Manche sagten, er sehe aus wie etwas aus einer anderen Zeit. Andere meinten, er erinnere an die grossen Häuser und Säle, welche die Bündner Zuckerbäcker einst in Venedig und Paris gesehen hatten.
Nachts, wenn Nebel durch das Tal zieht und der Wind von den Bergen kommt, scheint der Turm beinahe über der Landschaft zu schweben.
Die Alten erzählen, dass Tor Alva die Geschichten des Tales bewahrt: die Stimmen der Reisenden, die Erinnerungen der Auswandernden, die Schatten der Burgen und die Träume derer, die immer wieder nach Mulegns zurückkehrten.